„Ich stehle mit den Augen“ – Kerstin Puhlmann und die Lust am fortwährenden Experiment

Die Ausstellung von Kerstin Puhlmann ist weniger ein abgeschlossener Werkkomplex als vielmehr ein lebendiger Prozess: ein offenes Gefüge aus Farbe, Material und Erfahrung, das sich seit der Vernissage kontinuierlich weiterentwickelt hat. Ihre abstrakte Malerei speist sich aus einer tief verwurzelten Neugier, die bis in die frühe Kindheit zurückreicht – in eine Zeit, in der Materialien noch Spiel, Verlockung und Versprechen zugleich waren. Diese ursprüngliche Freude am Gestalten ist bis heute spürbar und bildet den Kern einer Bildsprache, die sich durch Offenheit, Intuition und Experimentierfreude auszeichnet.

Im Gespräch zeigt sich Puhlmann als leidenschaftliche Autodidaktin, deren künstlerischer Weg nie linear verlief, sondern von mutigen Entscheidungen, Umwegen und intensiven Lernprozessen geprägt ist. Neue Techniken, Verblendungen und serielle Arbeitsweisen sind für sie keine bloßen Stilmittel, sondern Werkzeuge, um Wahrnehmung zu schärfen und den Dialog zwischen Innenwelt und äußerer Form immer wieder neu auszuhandeln. Die Ausstellung wird so zu einer Reise – getragen von Begegnungen, Resonanz und dem Wunsch, Bilder zu schaffen, die über den Moment hinaus Bestand haben. Zwischen produktiver Unsicherheit und berauschendem Glück entfaltet sich eine Malerei, die leise spricht und doch lange nachhallt.

Wie haben Ihre frühen künstlerischen Erfahrungen Ihre heutige Bildsprache geprägt, und was hat den aktuellen, intensiven kreativen Schub ausgelöst, der in dieser Ausstellung spürbar ist?

An konkrete Erinnerungen an meine frühesten künstlerischen Schritte kann ich mich kaum erinnern. Was mir jedoch bleibt, ist die Begeisterung für Farben, Formen und Materialien in allen Variationen: Bastelmaterialien wie Pailletten, Perlen, Knete, Filz, Wolle, Pappe für Pappmaché, unzählige Papierarten und natürlich der Tuschkasten haben mich von klein auf animiert, etwas zu erschaffen. Diese frühe Neugier und Freude am Experimentieren prägt meine heutige Bildsprache bis heute.

Der aktuelle kreative Schub, der in dieser Ausstellung spürbar ist, hängt eng damit zusammen: Die vielfältigen Materialmöglichkeiten in der abstrakten Malerei haben mich erneut „abgeholt“ und beflügelt. Es ist dieses Zusammenspiel von Erfahrenem und Neuentdeckung, von Experimentierfreude und künstlerischer Freiheit, das mich antreibt, intensiv und leidenschaftlich zu arbeiten.

Das Werk Geheimnisse von Kerstin Puhlmann.
Das Werk ‚Geheimnisse‘ ist noch bis Ende Januar in der Galerie Versatile zu sehen.

In Ihren aktuellen Arbeiten experimentieren Sie mit neuen malerischen Techniken und Verblendarbeiten. Was versprechen Sie sich von diesen neuen Ansätzen – und wie verändern sie Ihre Arbeitsweise?

Meine aktuellen Experimente mit neuen malerischen Techniken und Verblendarbeiten sind Ausdruck meiner Neugier und meines ungebrochenen Interesses an Farben, Formen und Materialien. Das Internet und die Werke anderer Künstler inspirieren mich: Ich „stehle mit den Augen“ – nicht um zu kopieren, sondern um die Idee eines Werks aufzugreifen und daraus mit eigenen Händen, Gedanken und Materialien etwas Eigenes zu entwickeln.

Ich war schon immer Autodidaktin, Lernen geschieht für mich vor allem durch genaues, aufmerksames Betrachten. Diese Herangehensweise zieht sich durch mein gesamtes Leben: Schon früh habe ich mich aus Liebe zu Farben und Pflanzen in einen zweiten Berufsweg gestürzt. 1980, gerade einmal blutjung, kaufte ich mit einem Lotteriegewinn einen Blumenladen – ohne jegliche Vorkenntnisse. Glücklicherweise hatte ich einen Floristenmeister an meiner Seite, von dem ich in rekordverdächtigen anderthalb Jahren die dreijährige Ausbildung absolvierte. Einige Jahre später erlangte ich die Befähigung zur Ausbildung eigener Lehrlinge und führte ein Team von sechs Mitarbeitern. Nach 16 Jahren habe ich das Geschäft verkauft, doch meine Leidenschaft für Farben und Gestalten blieb ungebrochen – und führte mich zurück zur Malerei, zunächst in Öl, später in Acryl.

Die neuen Techniken erlauben mir heute, meine Bildsprache zu erweitern, Prozesse spielerischer und zugleich vielschichtiger zu gestalten. Sie verändern meine Arbeitsweise, indem sie Experimentierfreude, Intuition und präzises Beobachten enger verbinden – und mir so neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffnen.

Die Schau ist seit der Vernissage im Juni 2025 erheblich gewachsen. Wie hat sich Ihr eigenes Verhältnis zu dieser Ausstellung über die Monate hinweg entwickelt?

Mein Verhältnis zu dieser Ausstellung hat sich über die Monate hinweg stark vertieft und gewandelt. Erst durch die Unterstützung und Begeisterung meines Lebenspartners Martin ist alles richtig ins Rollen gekommen. Er hat mich, selbst sehr kunstinteressiert, zu unzähligen Museen und Ausstellungen begleitet, was mich inspirierte und motivierte, intensiv und produktiv zu malen.

Die Möglichkeit, meine Werke dank seiner Unterstützung auszustellen, hat mir einen zusätzlichen Schub gegeben – fast wie ein kreativer Exzess. Die Vernissage war dann die große Belohnung: die Freude und Anerkennung der Besucher zu erleben, war eine tief berührende Erfahrung. Dieses positive Feedback befeuert mich bis heute, weiterzumachen. Nicht zuletzt freut es mich besonders, dass eine Reihe der Bilder inzwischen ein neues Zuhause gefunden hat und ihre Reise fortsetzt.

Martin Feldt bespricht mit Kerstin Puhlmann ihre neuen Ideen und Werke.
Martin Feldt im Gespräch mit Kerstin Puhlmann.

Ihre Malerei wird oft als „stilles Gespräch zwischen Innen und Außen“ beschrieben. Gibt es in den Werken, die jetzt neu hinzugekommen sind, ein wiederkehrendes Thema oder Gefühl, das Sie besonders beschäftigt?

In den neu hinzugekommenen Arbeiten beschäftigt mich vor allem der Prozess des fortwährenden Ausprobierens. Neue Ideen zu entwickeln und sie – oft in kleinen Serien – umzusetzen, setzt ein intensives, fast berauschendes Glücksgefühl frei. Gleichzeitig entsteht dabei der Wunsch, etwas zu schaffen, das Bestand hat, eine gewisse Zeit überdauert und das Auge nachhaltig erfreut.

Sobald mehrere Werke innerhalb einer bestimmten Technik entstanden sind, wächst der Reiz, diese wieder zu verlassen und neue Wege zu erkunden. Begleitet wird dieser Prozess stets von einer produktiven Unsicherheit: der Herausforderung, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden – und zugleich der offenen Frage, ob die Arbeiten auch für die Betrachtenden tragfähig und wertvoll sind.

Die Präsentation in der Galerie lebt auch von der sensiblen Art, wie die Werke arrangiert werden. Welche Bedeutung hat für Sie die Art und Weise, wie Ihre Bilder im Raum miteinander „sprechen“?

Die Wirkung meiner Arbeiten im Raum hängt stark von der präzisen Präsentation ab. Dazu zählen zahlreiche technische Faktoren: die Hängung angepasst an die baulichen Gegebenheiten, definierte Abstände zwischen den Werken, klare Blickachsen sowie eine gezielte, farb- und schattenarme Beleuchtung.

Ziel ist eine ausgewogene Gesamtwirkung, bei der sich die Bilder inhaltlich und visuell ergänzen, ohne sich gegenseitig zu dominieren. Dieser Prozess ist technisch anspruchsvoll und erfordert sorgfältige Planung, Zeit sowie verlässliche, unterstützende Hände, um eine stimmige und funktionale Präsentation zu gewährleisten.

Sie erwähnten, dass diese Ausstellung für Sie eine Reise voller Begegnungen war. Gab es einen Moment oder ein Gespräch mit Besuchern, das Sie besonders berührt oder überrascht hat?

Belohnt wurde ich vor allem durch die Offenheit und Empathie der Besucher sowie durch Gespräche, die tief berührt und nachhaltig glücklich gemacht haben. Es waren diese unerwarteten Momente des gegenseitigen Verstehens, in denen Kunst zu einem echten Dialog wurde. Besonders der Tag der Vernissage, mit seiner Fülle an Emotionen, Begegnungen und Eindrücken, hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingeprägt – ein Tag, den ich nie vergessen werde.

Kerstin Puhlmann präsentiert das Titelbild ihrer Finissage in der Galerie Versatile.
Kerstin Puhlmann präsentiert das Titelbild ihrer Finissage.

Mit der Finissage geht eine lange Phase des Zeigens und Teilens zu Ende. Was nehmen Sie aus dieser Ausstellung mit – und wohin führt Ihr Weg als Nächstes?

Mit der Finissage endet eine lange Phase des Zeigens und Teilens – und zugleich öffnet sich ein neuer Raum. Dieser Tag ist für mich ein besonderer Moment des Innehaltens, fast schon wieder eine kleine Vernissage: ein Rückblick und ein Ausblick zugleich. Da verkaufte Werke ihren Platz freigemacht haben und neue Bilder hinzugekommen sind, zeigt sich die Ausstellung noch einmal in veränderter Form. So können auch Besucher, die sie bereits kennen, neue Arbeiten entdecken. Ich nehme aus dieser Ausstellung vor allem die Begegnungen, die Gespräche und die Resonanz auf meine Arbeiten mit.

Denn jedes Ende trägt bereits einen Anfang in sich. Meine Bilder machen sich nun auf den Weg, um weiterzuwandern und an anderen Orten neue Kontexte, neue Blicke und neue Dialoge zu finden. Das eine oder andere Werk wird schon bald eine nächste Ausstellung schmücken – und genau darin liegt für mich die Fortsetzung dieser Reise.

Einblick in das Atelier von Kerstin Puhlmann

Ein besonderer Ausblick zum Abschluss: Einen sehr persönlichen Einblick in Kerstin Puhlmanns Arbeitswelt bietet ein Video, das ihre Enkelin mit großer Sensibilität und Nähe realisiert hat. Es führt direkt in das Atelier der Künstlerin, zeigt Orte des Entstehens, Materialien im Dialog und die Atmosphäre, aus der die Werke hervorgehen. Dieses filmische Porträt ergänzt das Interview auf berührende Weise – als intime Annäherung an den kreativen Raum, in dem Puhlmanns Malerei ihren Anfang nimmt.

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